Blütenlese

9. Oktober 2007

Islamkritik – verkürzt und weichgespült

Bei achgut und fdog freut man sich über Richard Herzinger, der in einem gründlich belegtem Artikel in der NZZ zurecht Parallelen zwischen der RAF und dem islamischen Terror zieht. Diese Einschätzung Herzingers ist allerdings apart:

Und die Anstösse der radikalen Studenten zu grundlegenden Reformen waren inzwischen in eine breite gesellschaftliche Debatte über eine emanzipatorische Erneuerung der Republik eingeflossen. Auch hier gibt es eine Parallele zur Gegenwart: Islamistische Extremisten in Deutschland greifen ausgerechnet zu einem Zeitpunkt zur Gewalt, da die Anerkennung und Integration muslimischer Gemeinden endlich Gegenstand ernsthafter politisch-gesellschaftlicher Bestrebungen geworden ist.

Nur 10, bestenfalls 20% der ca. 4 Mio. Menschen aus islamischen Ländern in Deutschland sind Moscheebesucher. Diese Gemeinden wiederum sind von Muslimbrüderschaft, Milli Görüs und anderen islamistischen Vereinen beherrscht, die sich nicht einmal auf der Islamkonferenz entblödeten, den Aleviten das Bekenntnis zum sunnitischen Islam abzuverlangen. Ohne Erfolg, weswegen die Alevis vom neugegründeten Kooperationsrat der Muslime ausgeschlossen wurden. Durchaus konsequent, denn es handelt sich um die einzige islamische Gemeinschaft, die über Jahrhunderte blutige Verfolgung durch Sunniten und Schiiten ertrug, weil sie die Scharia -zudem mit anderen Inhalten- lediglich als spirituellen Weg interpretierte, und die islamische Geschlechterapartheid nicht nur als Lippenbekenntnis ablehnte, sondern auch im Alltag und Ritus lebte – und lebt. Das Bekenntnis zu Menschenrechten und Grundgesetz ist dem von der Muslimbrüderschaft gegründetem Zentralrat der Muslime nur unter schariatischen Vorbehalt möglich, was auch der Linie der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam entspricht, zu der sich die Organisation der islamischen Konferenz mit ihren 57 Mitgliedsländern als Desiderat bekennt.

Warum der radikale Minderheit unter den hier lebenden Muslimen mit ihren Gemeinden „Anerkennung“ gebührt, erschließt sich nicht, ebensowenig, warum ihre Aufwertung als Vertreter des Islams in Deutschland ein Beitrag zur „Integration“ und nicht zur sich weiter vertiefenden Segregation sein soll. Am allerwenigsten leuchtet die Beurteilung dieser Vorgänge als „emanzipatorische Erneuerung“ ein, analog zu „ernsthafte[n] politisch-gesellschaftliche[n] Bestrebungen, welche die 68er tatsächlich hatten.

N.B: ernsthafte politisch-gesellschaftliche Bestrebungen haben muslimisch Reaktionäre auch (hier ein Beispiel des Islamrats) – emanzipatorisch sind diese aber nur im Sinne der Emanzipation von der bestehenden Gesellschaftsordnung.

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