Blütenlese

24. November 2007

Krieg der Kritik – Politische Lyrik aus Kanakstan

Filed under: Abu Bakr Rieger,Transatlantic Forum — by M. M. @ 00:34:03
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Im Eurozine spricht Feridun Zaimoglu Tacheles. Pointiert, direkt, wie meist nie langweilig. Der Nahostwissenschaftler Michael Kreutz vom Transatlantic Forum erteilt den Lesebefehl. Dem ist zuzustimmen – wie immer, wenn Zaimoglu polemisiert, nicht unbedingt bei Zaimoglu als Romancier, da wird er überschätzt, aber das ist ein anderes Thema. Zaimoglu ist alles Mögliche, aber nicht dumm oder auf den Mund gefallen – sein Vulgärmarxismus ist allerdings derselbe, den Theaterdirektor Peymann kürzlich Ex-Terroristen Praktika verschaffen liess, weil sie letztlich das antiliberale und antiindividualistische Ressentiment eint.

Das Leitmotiv klingt im Gespräch Eurozine deutlich an: Obwohl an den Misslichkeiten patriarchalisch-reaktionärer Sozialisation sogar für ihn nichts zu deuteln bleibt, ist es der Kapitalismus, der die Menschen letztendlich aufeinanderhetzt und auch sonst für Unmenschlichkeiten sorgt. Ohne ihn lösten sich die kleinen kulturellen Divergenzen von selbst, den der Mensch ist gut.

…und reaktionäres Gedankengut ist nur soweit von Übel, wie es nicht von Feriduns stolzen neomuslimischen Schamtuchträgerinnen vertreten wird. Durch kecke und innovative Semantik mutiert reaktionär sogar zu progressiv – Politlyrik aus Kanakstan formt Worte wie Butter. That goes without saying.

Es ist kein Zufall, dass Zaimoglu dem Islamnazi Andreas Abu Bakr Rieger (hier ist die Polemik ausnahmsweise vollkommen trennscharf) mit seinem Querfrontprojekt der Islamischen Zeitung aufwertet, denn anders als unbedarfte Popsternchen oder stimmenheischende CSU Politiker, die sich auch instrumentalisieren ließen, wusste Zaimoglu, auf wen er sich mit Herausgeber Rieger und Chefredakteur Wilms einließ – 5 Minuten Googeln reichen dazu seit Jahren. Es stört letztendlich nicht, denn auch dieses Trio eint das gleiche Ressentiment.

Wenn sein Regisseur Neco Celik die mörderischen Faschistenseelen aus Zaimoglus Stück „Schwarze Jungfrauen“ als „starke, coole, witzige und mutige Muslimininnen“ interpretiert, sehr zur Freude der Redaktion und ohne das der anwesende Zaimoglu aufmuckt, dann zeigt sich die Unbedarftheit des dement-liberalen Feuilletons, welches das Stück bis dato als Anklage ansah – denn anders war es ja nicht denkbar. Auch jetzt, da Celek in dankenswerter Offenheit die Dinge klar stellt, wird dies schlichtweg ignoriert, so wie auch Rieger unbeschadet weitermachen kann.

In Zaimoglus „Kritik an der Kritik„, hier im Abdruck der Islamischen Zeitung, mit der er auch, anlässlich der Konferenz der Bundestagsfraktion im Juni 2007, vor versammelter grüner Prominenz im mündlichen Vortrag begeisterte, erklärte er dem Gegner, den er ironischerweise als den eigentlichen Faschisten begreift, den Krieg im wörtlichen Sinn – mit einem Kampf der Kulturen will er sich gar nicht erst aufhalten; Jürgen Kaube sah das in der FAZ ganz richtig. Wie ehedem macht man ungeniert gar keine Umstände – warum auch: der satte Bürger will es partout nicht wissen, bis ihm der spitze Hut vom Kopf fliegt und sich der demokratische Koloss doch noch mühsam in Bewegung setzt, viel vergossenes Blut später.

Zaimoglus Antikapitalismus ist keine Fußnote, sondern ein zentrales Element seiner islamischen Apologie. Kleinigkeiten mögen stören und peinlich sein, aber solange die Stoßrichtung stimmt, sind das Marginalien, denn wo gehobelt wird, da fallen Späne. Zaimoglu und seine Kumpel vom organisierten Islam haben mit Sentimentalitätsgedusel nichts im Sinn. Den Islam mit menschlichem Antlitz gibt es bereits, er wird von Alevis praktiziert. Für die bricht Zaimoglu keine Lanze: Schamtuchskeptikerinnen wie die grüne Politikerin Ekin Deligöz sind gerade die „Metzger mit stumpfen Ausbeinmessern“, dem er es mit grünroten Aktivisten der frommeren Denkungsart schon endgültig besorgen wird, sollten sie seine derberen Thinkalikes nicht vorher erwischen.

23. November 2007

Agitprop, Well Done

Filed under: Fun,UK — by M. M. @ 00:22:27
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Wer ihn nicht kennt: Pat Condell. Clear thinking, well spoken, British – full stop. A Breath of Fresh Air™, and funny at that. To quote one of his (Australian) admirers: „What an accent – I think I’m in love“.

18. November 2007

Chávez gibt dem Affen Zucker: auch der Spiegel mag Süßes

Filed under: Achse des Guten,Der Spiegel,Hugo Chávez — by M. M. @ 14:58:03

Der Spiegel registriert mehrere Fehltritte Hugo Chávez‘ beim aktuellen Opec-Gipfel in Saudi-Arabien:

Präsident Hugo Chávez ist erneut aus der Rolle gefallen: Auf dem Opec-Gipfel in Saudi-Arabien bekreuzigte sich der Venezolaner vor Gastgeber König Abdullah und nahm in seiner Rede gleich mehrfach auf Christus Bezug – das ist nach den Gesetzen des islamischen Landes streng verboten. … Und Chávez provozierte wie so oft: Erst bekreuzigte er sich vor Gasteber König Abdullah von Saudi-Arabien – der Monarch trägt auch den Titel „Diener der zwei heiligen Moscheen“, weil in seinem Land die heiligen Stätten von Mekka und Medina liegen. Im Verlauf der 25-minütigen Rede, mit der Chávez über das angekündigte Zeitmaß weit hinausging, nahm der Venezolaner sodann zweimal explizit auf Christus Bezug, was nach den saudischen Gesetzen nicht zulässig ist. „Wir wissen, dass der einzige Weg des Friedens, wie es Christus gesagt hat, in der Gerechtigkeit liegt“, sagte Chávez unter anderem vor den Staats- und Regierungschefs der Organisation, die sich in einem luxuriösen Konferenzzentrum in Riad versammelt.

Autor O. M. Hartwich der libertär-unorthodoxen Achse des Guten geht noch weiter:

Welcher westliche Politiker, vielleicht sogar einer “christlichen” Partei, hätte sich das schon getraut? Wenn es um die Pflege der guten Beziehungen mit Saudi-Arabien geht, dann sehen diese nämlich gerne über die Unterdrückung des Christentums in dem Land hinweg.

Aber der Unterschied zwischen ihnen und Präsident Chávez besteht dann wohl darin, dass Venezuela bezüglich Saudi-Arabien keine strategischen Interessen hat. Und außerdem verfügt Venezuela schließlich auch über eigenes Öl.

Dr. Hartwich sieht offenkundig einen bewussten Angriff gegen saudische Bigotterie vorliegen – dass es sich aber nicht um die übliche Stoffeligkeit eines Trampels handeln möge, sondern um Rebellion gegen Chávez‘ islamische Verbündete im Kampf gegen den Westen und dessen Werte, ist wishful thinking. Sich zu bekreuzigen, ist für viele Lateinamerikaner lediglich ein Geste der Bestärkung oder Abwehr des Gesagten, die täglich mehrmals vorkommen kann: ein -dazu besonders impulsiver!- Caudillo macht da keine Ausnahme. Zum Islam steht Chávez ebenso wie z.B. der ehemalige spanische KP-Chef Santiago Carrillo, der kürzlich den Islam als „enorm starkes revolutionäres Instrument“ im Kampf gegen die USA und westliche Werte einordnete. Aus Chávez‘ Fehltritt mehr zu machen, als er ist, ist ein Schnellschuss, wie er auch beim Spiegel regelmäßig vorkommt.

Jesus ist als Prophet Isa eine verehrte Person des Islams, wenn auch in anderem theologischen Rahmen. Sich auf ihn zu beziehen, ist in Saudi-Arabien keinesfalls verboten – verboten ist dagegen Werbung für das Christentum oder die Darstellung Jesus als Sohn Gottes, ebenso wie andere christliche Glaubenslehren – diese dürfen nicht öffentlich gemacht werden. Chávez hat hier aber auf die Gerechtigkeit abgehoben, einem zentralen Begriff der islamischen Rechtslehre und Theologie, der meist bewusst als Gegensatz zur westlichen „Vergötterung“ der -in erster Linie auf das Individuum bezogenen- Freiheit konstruiert wird. Muslime sind theologisch gehalten, fromme(!) Christen (in gemessenen Grenzen!) zu respektieren – Chávez hat hier auf eine muslimische Hörerschaft abgezielt, um gewissermaßen unter Gläubigen den gemeinsamen Kampf gegen das Unrecht (USA/Israel) zu beschwören.

Chávez‘ spin doctors werden ihm dies formuliert haben – für ihn wäre es wohl zu clever. Egal wie, er hat hier -im Gegensatz zur Bekreuzigung- nichts falsch gemacht, wenn auch das Ansprechen religiöser Themen gegenüber Muslimen immer heikel ist. Die freudige Erregung der westlichen Presse beruht auf Wunschdenken: man vermeint hoffnungsfroh, einen Dissens zwischen Chávez und der islamischen Welt entdeckt zu haben – und näht ohnehin gern mit heißer Nadel.


  1. spiegel.de/politik/ausland/0,1518,518038,00.html
  2. achgut.com
  3. achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/hugo_chavez_in_neuer_mission
  4. de.wikipedia.org/wiki/Caudillo
  5. de.wikipedia.org/wiki/Santiago Carrillo
  6. alertadigital.com/index.php?option=com_content&task=view&id=7900&Itemid=110
  7. de.wikipedia.org/wiki/Isa_bin_Maryam
  8. de.wikipedia.org/wiki/Dhimma

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