Blütenlese

18. November 2007

Chávez gibt dem Affen Zucker: auch der Spiegel mag Süßes

Filed under: Achse des Guten,Der Spiegel,Hugo Chávez — by M. M. @ 14:58:03

Der Spiegel registriert mehrere Fehltritte Hugo Chávez‘ beim aktuellen Opec-Gipfel in Saudi-Arabien:

Präsident Hugo Chávez ist erneut aus der Rolle gefallen: Auf dem Opec-Gipfel in Saudi-Arabien bekreuzigte sich der Venezolaner vor Gastgeber König Abdullah und nahm in seiner Rede gleich mehrfach auf Christus Bezug – das ist nach den Gesetzen des islamischen Landes streng verboten. … Und Chávez provozierte wie so oft: Erst bekreuzigte er sich vor Gasteber König Abdullah von Saudi-Arabien – der Monarch trägt auch den Titel „Diener der zwei heiligen Moscheen“, weil in seinem Land die heiligen Stätten von Mekka und Medina liegen. Im Verlauf der 25-minütigen Rede, mit der Chávez über das angekündigte Zeitmaß weit hinausging, nahm der Venezolaner sodann zweimal explizit auf Christus Bezug, was nach den saudischen Gesetzen nicht zulässig ist. „Wir wissen, dass der einzige Weg des Friedens, wie es Christus gesagt hat, in der Gerechtigkeit liegt“, sagte Chávez unter anderem vor den Staats- und Regierungschefs der Organisation, die sich in einem luxuriösen Konferenzzentrum in Riad versammelt.

Autor O. M. Hartwich der libertär-unorthodoxen Achse des Guten geht noch weiter:

Welcher westliche Politiker, vielleicht sogar einer “christlichen” Partei, hätte sich das schon getraut? Wenn es um die Pflege der guten Beziehungen mit Saudi-Arabien geht, dann sehen diese nämlich gerne über die Unterdrückung des Christentums in dem Land hinweg.

Aber der Unterschied zwischen ihnen und Präsident Chávez besteht dann wohl darin, dass Venezuela bezüglich Saudi-Arabien keine strategischen Interessen hat. Und außerdem verfügt Venezuela schließlich auch über eigenes Öl.

Dr. Hartwich sieht offenkundig einen bewussten Angriff gegen saudische Bigotterie vorliegen – dass es sich aber nicht um die übliche Stoffeligkeit eines Trampels handeln möge, sondern um Rebellion gegen Chávez‘ islamische Verbündete im Kampf gegen den Westen und dessen Werte, ist wishful thinking. Sich zu bekreuzigen, ist für viele Lateinamerikaner lediglich ein Geste der Bestärkung oder Abwehr des Gesagten, die täglich mehrmals vorkommen kann: ein -dazu besonders impulsiver!- Caudillo macht da keine Ausnahme. Zum Islam steht Chávez ebenso wie z.B. der ehemalige spanische KP-Chef Santiago Carrillo, der kürzlich den Islam als „enorm starkes revolutionäres Instrument“ im Kampf gegen die USA und westliche Werte einordnete. Aus Chávez‘ Fehltritt mehr zu machen, als er ist, ist ein Schnellschuss, wie er auch beim Spiegel regelmäßig vorkommt.

Jesus ist als Prophet Isa eine verehrte Person des Islams, wenn auch in anderem theologischen Rahmen. Sich auf ihn zu beziehen, ist in Saudi-Arabien keinesfalls verboten – verboten ist dagegen Werbung für das Christentum oder die Darstellung Jesus als Sohn Gottes, ebenso wie andere christliche Glaubenslehren – diese dürfen nicht öffentlich gemacht werden. Chávez hat hier aber auf die Gerechtigkeit abgehoben, einem zentralen Begriff der islamischen Rechtslehre und Theologie, der meist bewusst als Gegensatz zur westlichen „Vergötterung“ der -in erster Linie auf das Individuum bezogenen- Freiheit konstruiert wird. Muslime sind theologisch gehalten, fromme(!) Christen (in gemessenen Grenzen!) zu respektieren – Chávez hat hier auf eine muslimische Hörerschaft abgezielt, um gewissermaßen unter Gläubigen den gemeinsamen Kampf gegen das Unrecht (USA/Israel) zu beschwören.

Chávez‘ spin doctors werden ihm dies formuliert haben – für ihn wäre es wohl zu clever. Egal wie, er hat hier -im Gegensatz zur Bekreuzigung- nichts falsch gemacht, wenn auch das Ansprechen religiöser Themen gegenüber Muslimen immer heikel ist. Die freudige Erregung der westlichen Presse beruht auf Wunschdenken: man vermeint hoffnungsfroh, einen Dissens zwischen Chávez und der islamischen Welt entdeckt zu haben – und näht ohnehin gern mit heißer Nadel.


  1. spiegel.de/politik/ausland/0,1518,518038,00.html
  2. achgut.com
  3. achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/hugo_chavez_in_neuer_mission
  4. de.wikipedia.org/wiki/Caudillo
  5. de.wikipedia.org/wiki/Santiago Carrillo
  6. alertadigital.com/index.php?option=com_content&task=view&id=7900&Itemid=110
  7. de.wikipedia.org/wiki/Isa_bin_Maryam
  8. de.wikipedia.org/wiki/Dhimma

4 Kommentare »

  1. […] danke dem Kollegen von Blütenlese für den Link auf achgut, seine Analyse ist nicht uninteressant, eine weitere Möglichkeit […]

    Pingback von Die Post war da! | gebloggtewelten.de — 18. November 2007 @ 23:09:53 |Antworten

  2. x. xxxxxxxxx Balou von gebloggtewelten.de warnt zurecht davor, Chávez zu unterschätzen, meint aber auch, „ein Trampel, womöglich noch ein ungebildetes“, sei „der Offizier und Politologe Hugo Chavez mit Sicherheit nicht“.

    Chávez ist bauernschlau und politisch begabt, insofern gefährlich, aber nicht gebildet. Laut offizieller Biografie hat er mit 21 sein BA in „Ciencias y Artes Militares […] Especialidad Comunicaciones“ (Militärwissenschaften, Fachbereich Nachrichtenwesen) bekommen. 1989-90 soll er Politologie studiert haben, ohne allerdings das Studium abzuschließen („con la tesis pendiente“ – Abschlussarbeit steht noch aus, nett gesagt). Inwieweit der Qualität des Studiums eines venezolanischen Militärstipendiaten zu trauen ist, ist die Frage – die Zuverlässigkeit der offiziellen Biografie eine Weitere. Wer Chávez hat Reden hören und Spanisch versteht, bekommt ob der Diktion das Grauen – möglicherweise ein zusätzlicher Grund für Juan Carlos‘ kürzlichen Ausraster.

    Hier ein Musterbeispiel seiner Rhetorik:

    „El mundo tiene para todos, pues, pero resulta que unas minorías, los descendientes de los mismos que crucificaron a Cristo, los descendientes de los mismos que echaron a Bolívar de aquí y también lo crucificaron a su manera en Santa Marta, allá en Colombia.“

    „Die Welt gehört jedem einzelnen, aber es ist so dass einige Minderheiten – die Nachkommen derer, die Christus ans Kreuz geschlagen haben – die Nachkommen derselben, die Bolívar hier fortgejagt haben, und auf ihre Art und Weise haben sie ihn dann auch in Santa Marta, dort in Kolumbien, gekreuzigt.“

    Neben dem alten antisemitischen Topos der Christusmörder, ist der Vorwurf, die Juden hätten zudem den venezolanischen Nationalhelden Bolivar fortgejagt und seien, wie bei Christus, für seinen Tod verantwortlich, besonders abstrus – es gibt keine Hinweise auf eine jüdische Beteiligung – geschweige denn eine Verantwortung der Juden. „Antizionisten“ wie Chávez sehen das anders. Punkten kann man in Lateinamerika mit solchen Konstruktionen durchaus, von einem Politologen sollte man allerdings mehr erwarten können.

    Auch xxxxxxxx Balous Verdacht, Chávez wolle „bei allen ideologischen Auseinandersetzungen mit dem Episkopat in Venezuela“ daran erinnern, dass er Katholik sei, das könne „durchaus einen Effekt bei der Stimmabgabe haben“, ist plausibel, allerdings hat es Chávez dazu nicht nötig, gegenüber islamischen Despoten aufzutrumpfen: deren Religionsregime ist für das lateinamerikanische Publikum kein Thema, noch weniger ein Skandalon.

    Kommentar von M. Möhling — 19. November 2007 @ 00:31:46 |Antworten

  3. […] Chávez gibt dem Affen Zucker: auch der Spiegel mag Süßes Der Spiegel registriert mehrere Fehltritte Hugo Chávez’ beim aktuellen Opec-Gipfel in Saudi-Arabien: Präsident […] […]

    Pingback von Top Posts « WordPress.com — 19. November 2007 @ 00:59:01 |Antworten

  4. Arlet Fabiola González, die Direktorin des Zentrums: „Guten Tag, mein angebeteter Führer Chávez, ich liebe Sie sehr.“

    „Fabiola, wir sind aus dem Haus der Träume, wir lieben dich!“ rufen die Heimbewohner. „Hier handeln wir nach dem Slogan unseres Oberbürgermeisters ´Alle Macht dem Volke!´ “ erklärt Señor Hektor, der Projektkoordinator. „Guten Tag, mein geliebter Präsident. Wie geht es dir? Mein bolivarischer Gruß an dich!“ Señor Pipo beginnt so seine Geschichte, die ihn ins Manantial gebracht hat: „Ich war verhaltensgestört, und außer den Verhaltensstörungen habe ich Drogen genommen, habe meine Familie verloren …“

    Kommentar von Gudrun — 19. November 2007 @ 13:10:16 |Antworten


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