Blütenlese

16. Februar 2008

(Keine) Titten in Teheran: Subversion mit Kopftuch

Filed under: Theater — by M. M. @ 00:21:52
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Die Kunst ist frei, aber die Courage mit’m Kopftuch, das ist doch ganz toll, das finde ich […] sehr schön.

Mir ist das Regime dort egal und schnurz, mir gefällt das Regime hier auch nicht, mir gefallen eine ganze Menge von Regimes nicht.

Das, das ist ein anderes Land, ich gehe da doch nicht hin, um das System zu ändern […] die haben halt andere Vorstellungen, die wollen nicht, dass die Leute, äh, nacktes Fleisch auf der Bühne …dann ok, dann ist das eben so […] ich finde […] das irgendwie absolut borniert, dieses […] ganze westliche Getue immer, als ob wir die Weisheit der Welt gepachtet hätten.

Interview mit Claus Peymann anlässlich der Premiere von Richard III. im Berliner Ensemble am 8.2.2008. Weitere Themen: die geplante Aufführung in Teheran und die Berliner Demonstration dagegen am Premierenabend. Transkript der Aufzeichnung bei Radio Eins, Sendung „Die Schöne Woche“, 8.2.2008, 15:10 Uhr.

Radio Eins: Schönen guten Tag, Claus Peymann.
Peymann: Hallo.
Radio Eins: Was zieht Sie in die Arme der Mullahs?
Peymann: [lacht] Es zieht mich nicht die Arme der Mullahs, sondern es zieht mich in eine sehr interessante Großstadt, nämlich Teheran, wo total gescheite und unheimlich gute Theaterliebhaber sind, die darauf brennen, etwas über unser Theater zu erfahren.
Radio Eins: Trotzdem lautet der Vorwurf natürlich: Warum wollen Sie in einem Land gastieren, das den Holocaust bestreitet -also vor allem durch den iranischen Präsidenten- und Israel bedroht.
Peymann: Also, ich spiele ja auch hier in unserer Stadt nicht für Wowereit und Angela Merkel, und ich spiele auch nicht für die Herrschenden in Teheran und dem Iran, ich spiele für die Theaterfreaks in der Stadt – und, und, äh, es ist ein Land, äh, das ja vielleicht gar nicht mehr lang in Frieden leben kann, weil, der Bush hat seine Raketen ja schon eingerichtet auf Teheran, und, äh: Besucht Teheran, solange es noch nicht zerbombt ist – aber, so zynisch bin ich nicht, sondern ich finde, dass wir, wenn, wenn der kalte Krieg wieder ausbricht, und die Waffen wieder gegeneinander aufgebaut werden, dass die Kunst dazwischen gehen muss, und dass die Kunst in ihrer Sprache, die die Sprache aller guten Menschen ist, dass, dass wir diese Fronten unterlaufen, also dass finde ich ganz toll. Mir ist das Regime dort egal und schnurz, mir gefällt das Regime hier auch nicht, mir gefallen eine ganze Menge von Regimes nicht, aber mir gefallen die Leute und die Menschen, und für die spielen wir. Wenn die da demonstrieren wollen, dann sollen sie das selber gegen das Regime tun, das kommt ja auch nicht eines Tages.
Radio Eins: Also, da würde ich ihnen als ihr Kritiker – der ich nicht bin …aber wenn ich einer wäre – auch gleich wieder in den Nacken springen und sagen, also überhaupt, das Regime, äh, im Iran gleichzusetzen mit der Bundesrepublik Deutschland und dem politischen System, das auch Regime zu nennen, pfhh…
Peymann: Ich hab‘ nicht gleichgesetzt – die interessieren mich überhaupt nicht. Ich, ich finde, dass mit einem Stück wie Bertold Brechts Courage, eins der grandiosesten Antikriegsstücke, in eine Land zu ziehen in dem der Krieg droht, finde ich einfach total richtig, und ich glaube, diese Botschaft wird verstanden – und mit dieser Isolation und Abschottung ist überhaupt nichts zu bezwecken. Diese Fronten aufbauen, übrigens von beiden Seiten, ich meine, wer hat denn den Irak bombardiert? Der Bush, und was hammer jetzt davon?
Radio Eins: Aber verstehen sie denn ihre Kritiker, die eben hingehen und sagen: Da gibt es diesen Präsidenten noch mal, da gibt es eben diese Regime, es gibt diese Diktatur, man kann sie ja letztendlich nicht zur Seite drängen, denn sie ist ja vorhanden, und…
Peymann: [unterbricht] …sie meinen doch, sie beiseite zu drängen…
Radio Eins: …nein, nein, aber durch ihren Auftritt stärken sie die möglicherweise…
Peymann: [unterbricht] …ach, ich stärke die doch nicht…
Radio Eins: …aber sie [könnten] instrumentalisiert werden, weil sie sagen…
Peymann: [unterbricht] …aber es ist doch eher das völlige Gegenteil der Fall. Die Menschen sind doch nicht blöd im Iran, das sind hochgescheite, intelligente Leute – vielleicht ist eine kleine Mehrheit für dies Regime, und vielleicht sind genauso viele dagegen. Und ich, ich will mich gar nicht in diesen Zusammenhang bringen. Die Botschaft dieses Stückes ist so klar, und so richtig, und so human, dass werden die Leute schon verstehen. Und ich spiele ja nicht für den Präsidenten, ich spiele wirklich – das meinte ich, wenn ich sage, ich spiele nicht für Wowereit Theater
Radio Eins: OK, aber sie sind auch nicht auf Einladung, äh, des iranischen Staates da, sondern auf Einladung von:
Peymann: Ich bin auf Einladung eines, eines berühmten Theaterfestivals im Iran dort, da spielen viele internationale Bühnen, [unverständlich], da haben auch eine ganze Reihe von deutschen Bühnen gespielt, übrigens auch vor ein paar Jahren, mit Richard II., das war eine unheimliche Demonstration für die Kunst. Und die Kunst ist nie staatsfreundlich, sie ist immer staatsfeindlich, sie ist immer eine Gefährdung der Macht.
Radio Eins: Aber heißt das umgekehrt, wenn ich sie richtig verstehe, dass sie tatsächlich Kunst und Kultur so begreifen, dass sie eigentlich in jedem Land dieser Welt, egal unter welchem Regime es auch steht, auftreten würden, immer?
Peymann: Ich würde es wahrscheinlich so sehen, weil, weil Kunst ist immer Opposition, Kunst bestärkt immer die Subversion.
Radio Eins: Und deshalb unterstützt auch das Goethe Institut und das Auswärtige Amt ihren Auftritt.
Peymann: Das Auswärtige Amt weiß ich nicht, aber das Goethe Institut findet es richtig, und alle, die ich gesprochen habe, die Künstler, die tollen Filmer, die jetzt im Moment in Berlin sind aus’m Iran, die drehen ja super Filme, die Theaterleute – „also wenn“, „kommt bloß“, und „kommt wieder mit möglichst viel“. Wenn sie das nicht kapieren, dann sind sie blind und taub, mein Lieber.
Radio Eins: Müssen sie den Zugeständnisse machen, was die Aufführung angeht, beispielsweise? Also, Schauspielerinnen mit Kopftuch, ist das Pflicht?
Peymann: Das ist Pflicht, ja.
Radio Eins: Das ist Pflicht, und darauf lassen sie sich auch ein?
Peymann: Darauf lasse ich mich sofort ein, weil, das ist doch klar, warum soll ich das nicht tun?
Radio Eins: Na, ich dachte, weil die Kunst frei wäre, und sie letztendlich auch für die Freiheit der Kunst eintreten. [zweiter Sprecher: …und subversiv…]
Peymann: Die Kunst ist frei, aber die Courage mit’m Kopftuch, das ist doch ganz toll, das finde ich, finde ich sehr schön. Das, das ist ein anderes Land, ich gehe da doch nicht hin, um das System zu ändern. [unzusammenhängend, erregt:] Das, das, das, das ist einfach ’ne, das ist so, so ein Frontdenken …und ich komm‘ ja überhaupt nicht …wir haben ja auch damals für Richard II. gestimmt …die haben halt andere Vorstellungen, die wollen nicht, dass die Leute, äh, nacktes Fleisch auf der Bühne …dann ok, dann ist das eben so.
Radio Eins: Aha…
Peymann: [unterbricht erregt] …ich finde, finde das irgendwie absolut borniert, dieses, dieses ganze westliche Getue immer, als ob wir die Weisheit der Welt gepachtet hätten. Jetzt versuchen wir, die Demokratie nach Afghanistan zu bombardieren, interessiert doch kein Aas – die Demon[verschluckt, wohl Demonstranten], die, die Demokratie, das interessiert die überhaupt nicht.
Radio Eins: Ist das also heute Abend um 18:30, wenn die Demo, äh…
Peymann: [unterbricht] …da gehe ich hin und hör‘ mir das an.
Radio Eins: Ist das für sie ’ne Labsal, oder ist es ’ne lästige Pflicht?
Peymann: Ich finde, es zeigt dass Theater in alle möglichen Richtungen provozieren kann. Die Aufführung Richard Drei wird provozieren, und die Demonstration provoziert uns, und, und ich find‘ das toll, wenn Theater in dieser Hinsicht live ist, und wir nicht irgendwo in der stillen Ecke sitzen. Sollen sie sich doch die Kehlen wundschreien, wir fahren trotzdem. Ich höre mir das an, die, die Pamphlete, die die verteilt haben, sind ziemlich blöd, und ziemlich lächerlich [Journalist schnaubt], ja, und, und, äh, weltfremd. Ich kann nur sagen: weltfremd.
Radio Eins: Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles am Vor[bricht ab], Nachmittag seiner Premiere von Richard III…
Peymann: [unterbricht] …und wünschen sie mir jetzt bitte toi, toi, toi.
Radio Eins: Das darf man doch nicht.
Peymann: Das toi, toi, toi, das dürfen sie machen – ich darf nur nicht Danke sagen.
Radio Eins: [stotternd:] Ff…, f…, für die Premiere heute Abend wünschen wir toi, toi, toi. [verlegenes Gelächter]
Peymann: Ok.
Radio Eins: Tschüß.
Peymann: [lacht versöhnlich]

Robert Skuppin, Volker Wieprecht

Radio Eins Interviewer R. Skuppin und V. Wieprecht – Kopfbedeckung zum Thema passend
  • lizaswelt.net/2008/02/gastspiel-grotesken.html
  • rtsp://stream4.rbb-online.de/rad/_programm/20080208_premiere.rm
  • radio1.de/programm/programmbeitraege/200802/premiere_von_richard.html

Bild: Radio Eins, Ausschnitt

12 Kommentare »

  1. […] worte (”die courage mit’m kopftuch, das ist doch ganz toll”) in einem radiointerview sind hier dokumentiert. bericht von einer vorab-demo in berlin, bei der die demonstrierenden auch auf den den […]

    Pingback von dissidenz.olifani.de » “orientalische schlamperei” — 16. Februar 2008 @ 16:05:44 |Antworten

  2. „die Demon[verschluckt, wohl Demonstranten]“

    Er meint DEMONkratie. Wie Dämon. Von Teufel und Satan. Was das genau ist erklärt uns Konvertit Salim Spohr hier in seinem Blog: http://www.islampress.de/2007/6/14/daemonkratie-niemand-entscheidet

    Kommentar von Leeza — 16. Februar 2008 @ 16:13:41 |Antworten

  3. Was für ein Dummbatz dieser Peymann doch ist.

    Kommentar von Tano — 16. Februar 2008 @ 16:36:59 |Antworten

  4. […] du jour Peymann: Jetzt versuchen wir, die Demokratie nach Afghanistan zu bombardieren, interessiert doch kein Aas – […]

    Pingback von Depp du jour « Freunde der offenen Gesellschaft — 16. Februar 2008 @ 19:01:05 |Antworten

  5. Wie HMB schön beschreibt: „Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken. Peymann beweist es“!

    Er ist jemand, der auch in NS-Zeit-Theater „Theater“ gespielt hätte. Denn er hätte dann auch nur für die Menschen gespielt und ihm die Regiegrung nicht interessiert gewesen wäre… Was für einen Freigeist! Frei vom Verstand, Moral und Prinzip… Das nennt man einen DEUTSCHEN Topkünstler.

    nasrin amirsedghi

    Kommentar von nasrin amirsedghi — 16. Februar 2008 @ 22:04:38 |Antworten

  6. […] Friedrich Schiller meinte, Theater sei eine “moralische Anstalt”. Das mag zu Schillers Zeiten so gewesen sein, heute wird Theater von Leuten gemacht, die Friedrich Torberg “Brechtokokken” nannte. Diesen Leuten fehlt alles, was Theater “moralisch” machen könnte. Standpunkte, Orientierung und die moralische Qualifikation, die Menschen von Unmenschen unterscheidet. Es gibt Dinge, die tut man nicht, wenn man das Privileg hat, seine Meinung einer breiten Zuseherschaft zu präsentieren und dafür noch aus der Hand der Allgemeinheit alimentiert wird. Zum Beispiel, mit Diktatoren knutschen. Das ist völlig unmöglich, wenn man noch einen Rest von Selbstachtung besitzt und die moralischen Koordinaten intakt sind. Wenn sie intakt sind. Wenn nicht, ist man ein selbstverliebter, eitler Dreckskerl, dem egal ist, ob man mit Mördern und Klerikalfaschisten turtelt, auf den Gräbern der Ermordeten Theater spielt und einen ziemlich jämmerlichen Eindruck macht, wenn man danach gefragt wird.Dann steht man da, hat die Hosen unten und macht auf antiimperialistisch. Mit anderen Worten, man zeigt sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit, eben Brechtokokke. Peymann, das Interview. […]

    Pingback von Die Hosen unten » Gegenstimme — 16. Februar 2008 @ 22:44:27 |Antworten

  7. […] Mullah-Kulturindustrie bei und Claus Peymann vom Berliner Ensemble ist ihr Botschafter – in diesem Radiointerview begründet er seine Haltung. Tobias Ebbrecht kommentiert diese Form der kulturellen Zusammenarbeit […]

    Pingback von Iran und die Berlinale 2008 « Raumzeit — 17. Februar 2008 @ 11:03:30 |Antworten

  8. […] via bluetenlese […]

    Pingback von Peymann und die Mullahs « פיליפעקס ביכל — 17. Februar 2008 @ 12:16:05 |Antworten

  9. sehr interessant. danke

    Kommentar von katisommer — 17. Februar 2008 @ 17:26:30 |Antworten

  10. […] Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles und Star-Regisseur in der (gefühlten) Nachfolge Bert Brechts, reist in den Iran. Dort will er “Mutter Courage” präsentieren, seiner Meinung nach “eins der grandiosesten Antikriegsstücke”. Darauf angesprochen, ob diese Reise nicht das antiamerikanische, antisemitische, reaktionäre Regime in Teheran unterstützen könnte, meint Peymann: “Mir ist das Regime dort egal und schnurz, mir gefällt das Regime hier auch nicht, mir gefallen …” […]

    Pingback von Readers Edition » Wie blöd muss man eigentlich sein? — 18. Februar 2008 @ 03:03:15 |Antworten

  11. Peymann ist ein linksintelektuelles Gutmenscharschloch übelster Ausdehnung.
    Das sollte Peymanns Kopf kosten!
    Weg mit Peymann!

    Kommentar von Hallowach — 21. Februar 2008 @ 22:15:46 |Antworten

  12. […] können das und erklären den Iran zu einer harmlosen, theaterliebenden Gesellschaft? Sowas gibt es! Ist es nicht sonderbar, dass die Linke einerseits die Bereichung durch verschiedene Kulturen […]

    Pingback von Unser Menschenbild « Nach der Wahrheit graben — 10. März 2009 @ 13:20:40 |Antworten


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