Blütenlese

18. September 2009

Spiegel Online: Die Welt geht nicht unter. Leider

Filed under: Der Spiegel — by M. M. @ 21:06:55
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Der Spiegel: Salzseen in Südamerika: Fundort des seltenen Lithiums

Lithiumland ist abgebrannt. Nein, abgesoffen.

Der Spiegel barmt und jammert weiter:

Autobauer beschwören den Elektroantrieb als Technik der Zukunft. Doch ebenso wie Regierungen und Rohstoffkonzerne übersehen die Hersteller ein Problem: Es gibt auf der Erde zu wenig Lithium, um die geplanten Flotten von Hybrid- und Elektroautos anzutreiben.

Er schließt zwar mit der optimistisch klingenden Note:

Doch die Zeit drängt, weil das Lithium mehr denn je gebraucht wird in der Welt. Ausgerechnet die Kegel aus Freiberg könnten die Lithium-Lücke womöglich schließen. „Wir sind überzeugt“, sagt Wolfgang Voigt, „dass wir uns durchsetzen werden.“

..hatte allerdings vorher schon dieses einschränkend klargestellt:

Boliviens Schwierigkeiten mit dem Lithium könnte aber ein Team deutscher Experten begegnen.

Nicht unbedingt der Welt, sondern Bolivien könne also geholfen werden, wobei die Redaktion wohl selber nicht genau wusste, was sie vermelden wollte. Wirr, aber nicht ganz ohne System, dies wird verständlicher durch die Quelle: Der Artikel beruft sich auf den 57-seitigen Report The Trouble with Lithium des französischen Beratungsunternehmens Meridian International Research. Im Gegensatz zum Spiegel weiß man dort im executive summary genau, was man mitteilen möchte – der Option Lithium wird endgültig und eindeutig eine Absage erteilt:

Analysis of Lithium’s geological resource base shows that there are insufficient economically recoverable Lithium resources available to sustain Electrified Vehicle manufacture in the volumes required, based solely on LiIon batteries. Depletion rates would exceed current oil depletion rates and switch dependency from one diminishing resource to another […] Reliance on other hypothetical, unproven potential sources of Lithium such as Seawater is not a realistic or practical strategy on which to base a technology revolution in the automotive industry.

Aber die Entwarnung folgt auf dem Fuß, und entzieht jedem Gejammer über ein mögliches Scheitern der automobilen Elektrorevolution die Grundlage:

The alternative battery technologies of ZnAir and NaNiCl are not resource constrained and offer potentially higher performance than current automotive LiIon technology. Research and industrialisation of Electrified Vehicles should also prioritise these alternative battery technologies.

Problem gelöst – und kein Wort davon im Spiegel, erst recht nicht auf Seite Eins in Spiegel-Online, wo der flüchtige Leser die unfrohe Botschaft möglicherweise nur im Vorübergehen wahrnimmt, weil er eine weitere der üblichen Schreckensmeldungen gar nicht näher zur Kenntnis nehmen möchte. Warum auch Details, gar noch die relevanten, die inszenierte Notlage ließe sich ja nicht mehr per Überschrift verkünden. Ob die Firma mit ihrer Studie Recht hat, ist hier nicht das Thema.

Bild: Spiegel/Julia Schmitt, Screenshot, verkleinert

1 Kommentar »

  1. Schön den SPON-Artikel auseinander genommen, ich hätte mir ziemlich sicher nicht die Mühe gemacht, die Quellen zu suchen. Die groben Fehler fallen einem so jeweils nur in den Bereichen auf, in denen man sich wirklich auskennt. Danke.

    Kommentar von Martin Sommerfeld — 21. September 2009 @ 10:58:30 |Antworten


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