Blütenlese

25. Oktober 2009

Ich ficke deine Mutter nicht

Filed under: Islam,Migration — by M. M. @ 22:25:38
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Mitternacht, SO36, Skalitzer, Späthunger, Stammdöner hat schon zu. Also Plan B, Falafel, der Laden hat noch auf. Plan C eigentlich, denn die jungen Falafistas sind erfahrungsgemäß wesentlich mieser drauf als ihre osmanischen Kollegen – die haben u.U. zwar auch Ansichten über Gott und die Welt, die man nicht unbedingt hören möchte, behalten sie aber locker für sich, vor allem ungefragt.

Falafel € 2.50. Eine Ecke weiter wartet eigentlich das Spätbier mit Lektüre der Tagespresse, aber draußen ist es kalt, also keine Falafel to go, sondern to stay. Der Falafista ist freundlich, einsam mit dem einzigem Gast im Raum, sucht das Gespräch. Der Gast möchte nicht unfreundlich sein, will auch nicht in der B.Z. blättern, meint ohnehin, dass man mit diesen jungen Menschen gelegentlich Austausch pflegen muss, es hilft ja nichts. Man guckt ja auch ab und zu in die Bild-, National- oder Islamische Zeitung, in die jW, das ND oder die JF. Sehen, was die Jungs so treiben. Nein, BILD ist kein Faschoblatt, so war es nicht gemeint, aber die Lektüre macht auch keinen Spaß. Der junge Mann ist kaum zu verstehen. Ägypter, wohl erst seit kurzem hier. Hat sich erkennbar bemüht, in kurzer Zeit halbwegs kommunikationsfähig zu werden. Wird sicher noch. Schlagend ungebildet, aber kein Dummy, interessiert, neugierig, allerdings verdächtig mitteilungsbedürftig. Kennt man, ahnt Schlimmes, hofft, dass es diesmal eine angenehme Enttäuschung bestehender Vorurteile wird. Der Tagesabschluss nervt etwas, soll erträglich bleiben. Der Gast fragt nicht nach dem Namen – sagen wir mal, Said.

Said erzählt, dass ein Freund in Palästina schon vor über zwanzig Jahren ein Bild-im-Bild Verfahren für seinen Fernseher entwickelt habe. Er wollte damals Fussball sehen, die Mutter was anderes. Also Bild-im-Bild, selbstgebastelt. Gäbe es jetzt überall, eine amerikanische Firma würde damit viel Geld verdienen. Das sei doch sonderbar, oder? Die Amerikaner würden sich immer das Beste und die Besten heraussuchen. Hm. Erwähnt stolz Faruk al-Baaz, einen Chef der Nasa. Der Gast hat den Namen schon mal gehört. Chef? Später wird er das googlen. Dr. al-Baaz, ehemaliger leitender Mitarbeiter. Aha, gut, hat man was gelernt.

Said findet es zu dunkel und zu kalt. Wir Europäer seien deswegen ständig depressiv. Wieder hm. Egal, Said interessiert sich für Technik. Schön. Möchte riesige Parabolspiegel im All aufhängen, um Wärme und Licht auf deutsche Städte zu lenken. Der Gast erzählt, dass russische Ingenieure so etwas schon mal geplant hätten, um sibirische Großbaustellen im Polarwinter wahlweise mit Sonnen- oder Mondlicht zu erhellen. Sei aber bisher nichts daraus geworden. Vielleicht zu groß, diese Pläne, es gelte zudem, unbeabsichtigte Nebenwirkungen zu bedenken, auch als nicht-Ökologist. Said ist von etwaigen Bedenken befremdet, ansonsten überrascht. Was, nicht neu, diese Idee? Egal, er habe noch viele mehr. Said rühmt arabischen Erfindungsreichtum, insbesondere den ägyptischen. Ägypter seien keine Araber, sondern Nachkommen der Pharaonen. Schon mal von gehört? Ja, schon. Etwas Skepsis ob der dargestellten Erfolge in Wissenschaft, Technik und Bildung. Hinweis auf den Arab Human Development Report. Sei alles nicht ganz so toll. Said: aber in Ägypten schon! Nein, auch da nicht so richtig.

Die nächsten Minuten verschwimmen etwas in der Erinnerung. Said ist erregter, aber nicht unhöflich. Amerikaner und Europäer waren schon genannt worden. Da fehlt doch jemand? Ja, da fehlt noch jemand, deswegen wird danach gefragt, muss ja: Warum wir Europäer denn immer Israel unterstützen würden? Weil es ein westliches Land sei und wir gemeinsame Interessen hätten. Aber die Juden hätten doch den Arabern das Land gestohlen. Wann die denn überhaupt erst gekommen seien? Ob es denn schon jemals in der Geschichte ein Land namens Israel gegeben hätte? Das Königreich Israel, meint der Gast, sei lange her. Nein, nie, sagt Said, er habe ein Buch, da stehe dass. Es gebe viele Bücher, entgegnet der Gast, in manchen stehe anderes. Said ist nicht unverständig, lässt das Argument gelten, wechselt das Thema: Ob der Gast wisse, dass viertausend Juden 9/11 rechtzeitig das Gebäude verlassen hätten, von ihrer Regierung gewarnt? Ab jetzt geht es bergab. Der Gast entgegnet, ihm sei dies als häufige Darstellung der Presse der islamischen Welt bekannt, er glaube es aber nicht, das täte in Europa kaum jemand. Doch, doch, wer habe denn einen Vorteil von der Sache gehabt? Osama bin Laden und George W. Bush hätten gemeinsame Sache gemacht. Osama habe das alleine gar nicht schaffen können, es gäbe auch keine Beweise. Gast bleibt uneinsichtig. Said ist verärgert, bleibt aber beherrscht und sachlich, es geht schliesslich um Selbstverständlichkeiten: Er wünsche der arabischen Welt „Macht und Stärke“, damit sie Europa erobern könne, das müsse er so deutlich sagen. Erst wenn „wir eure Töchter ficken und zum Islam bekehren“, würden wir wohl nachgeben. Obwohl vulgär im Ton und aggressiv im Inhalt, bleibt Said ruhig und gesprächsbereit. Vermutlich kennt er das deutsche Wort vergewaltigen noch nicht, vermutlich entspricht es auch nicht dem andernorts tradierten Verständnis von Kriegsführung, das Verfügung über die Beute als legitimen Regelfall kennt. Die angedrohten Übel sind auch nicht ungebührlich böse gemeint, es geht ja nicht anders, entspricht dem notwendigen Lauf der Dinge angesichts der Umstände.

Die Falafel ist aufgegessen, Gäste kommen, bestellen auf arabisch. Es gäbe noch Fragen. Warum reicht es nicht, wenn es denn schon sein muss, Europa mit Gewalt von der Unterstützung Israels abzuhalten? Warum auch noch die restlichen Maßnahmen? Ungestellte Fragen. Der Tagesabschluss sollte erträglich bleiben, blieb es nicht. Said grüßt den Gast beim Verlassen des Lokals. Said ist ihm nicht richtig böse – vor allem versteht er ihn einfach nicht.

Update: Der Nahostwissenschaftler Michael Kreutz vom Transatlantic Forum hat eine ähnliche Erfahrung gemacht, und weist auf eine Umfrage der Brookings Institution, die auch andernorts in der arabischen Welt die Existenz der gleichen Hassliebe plausibel macht.

2 Kommentare »

  1. Die Ansichten über Gott und die Welt meines syrischstämmigen Pizzabäckers sind deutlich integrationskompatibler.

    Kommentar von N. Neumann — 12. November 2009 @ 15:41:29 |Antworten

    • Ja, mit anecdotal evidence ist es so eine Sache. Deswegen immer wieder:

      Wilhelm Heitmeyer, J. Müller, H. Schröder:
      Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland,
      Frankfurt/Main 1997

      Die bisher einzige repräsentative Studie zur polit. Einstellung türkischsprachiger Jugendlicher in Deutschland im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Fazit: Ein Drittel neigt zu „gewaltzentriertem islamischen Fundamentalismus und ethnischem Nationalismus“.

      Eberhard Seidel befragte Heitmeyer 2005 in der taz:

      taz: Heute wird viel über türkische Jugendliche geschrieben – ohne wissenschaftliche Grundlage. Bizarr, oder?
      Heitmeyer: Ja, offenbar will man es immer noch nicht so genau wissen.

      Gilt auch für Jugendliche arabischer Herkunft. Würde mich interessieren, ob sie im Schnitt weniger nationalistisch, islamisch und antisemitisch sind als ihre Altersgenossen in den Herkunftsländern der Familien. Man hört nichts Gutes über die Erfolge des deutschen Bildungswesens in dieser -oder irgendeiner- Hinsicht; bei Schulen in Kreuzberg, Neukölln oder anderen Brennpunkten der Republik mit bis zu 100% Anteil von Jugendlichen ndH ist es auch nicht unbedingt zu erwarten. In Ermangelung eines Besseren können wir uns an die Kriminalstatistiken halten, hier eine Übersicht mit Quellenangaben.

      Wenn man Raub-, Mord- und Vergewaltigungsdelikte als Zeichen integrationsfeindlicher Einstellungen bewertet, scheint der syrischstämmige Pizzabäcker eine lobenswerte Ausnahme zu sein. Solche kenne ich auch, nicht nur prominente wie Kelek, Ates oder Hirsi Ali, ich habe auch persönlich welche kennengelernt, Männer und Frauen. Speziell die Frauen wollten beim Thema Islam und Herkunft aber von nichts wissen; den Koran kannten sie nicht, mit bestenfalls genervten, manchmal panischen Gesichtsausdruck beendeten sie das Thema und von ihren muslimischen Vätern, meist hatten diese die Familie verlassen, wollten sie auch nichts wissen. Ich war vor 5-6 Jahren in dieser Hinsicht noch naiv und hatte dies als Ex-Islamwissenschaftler nur nebenbei angesprochen, gerade bei den Damen hatte ich ganz andere Interessen. Auch die mir bekannten Araber oder Afrikaner nichtmuslimischer Herkunft sind in der Regel wohlintegriert, allerdings nach neuzeitlichen Maßstäben ausgesprochen islamophob. Als Kopte in Ägypten oder Christ in Ostafrika ist es eben so eine Sache, Dialoge finden dort selten auf Augenhöhe statt, wenn überhaupt.

      Laut Verfassungsschutzbericht 2005 sind übrigens ca. 5000 Jugendliche der Residenzgesellschaft gewaltbereit und rechtsextrem. Das wären einige Promille der Jugendlichen der Gesamtbevölkerung, selbst wenn man Migranten herausrechnet, und selbst dann wenn der VS auf dem rechten Auge blind sein sollte und die wahren Zahlen 100% oder 200% höher lägen. Ob „gewaltzentrierter islamischer Fundamentalismus und ethnischer Nationalismus“ mit gewaltbereitem Rechtsextremismus gleichzusetzen ist, ist soziologisch natürlich die Frage. Aber, um Prof. Heitmeyer zu zitieren, man will es eben immer noch nicht so genau wissen. Wieviel türkische Jugendliche wären das wohl in absoluten Zahlen? Ein halbe Million? Mehr? Und wie erklärt es sich, dass nach Prof. Christian Pfeiffer jugendliche Gewalttäter türkischer Herkunft überwiegend Opfer nichtürkischer Herkunft auswählen, obwohl die in ihrem Wohnorten, aus denen sie sich kaum herausbewegen sollen, in eklatanter Minderzahl sind, da verantwortungsbewusste Eltern ihre Kinder in diesen Kiezen nicht einschulen? Liegt es an Marginalisierungserfahrungen, an Viktimisierungsprozessen, an erlittenem Rassimus, oder an „gewaltzentriertem islamischen Fundamentalismus und ethnischem Nationalismus“? Ich würde es gerne wissen und vergleichende Studien begrüßen. Wie man liest, sind die Integrationsergebnisse bei Schwarzafrikanern in Deutschland erstaunlich gut, obwohl doch anzunehmen ist, dass sie Marginalisierung, Viktimisierung und Rassimus am ehesten ausgesetzt sind, vor allem was authochtone Rechtsextreme betrifft.

      Kommentar von M. Möhling — 12. November 2009 @ 16:57:46 |Antworten


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